200 Massnahmen sollen ein Verkehrschaos in der Region Baden verhindern. Doch eine Gruppierung leistet erneut Widerstand. Warum? Und was fordert sie?
Ein wenig erinnert die Geschichte aus dem Siggenthal an jene der Gallier, die einst erfolgreich gegen die übermächtigen Römer kämpften. Die Interessengemeinschaft für eine siedlungsverträgliche Mobilität, früher hiess sie IG Oase, stoppte die Verkehrspläne des Kantons Aargau mit ihrem Widerstand. Den Bau eines Tunnels durch den Badener Martinsberg konnten sie vor wenigen Jahren verhindern. Dieser hätte zwar Badens Zentrum entlastet, den Gemeinden Ober- und Untersiggenthal aber deutlichen Mehrverkehr gebracht, war die Befürchtung.
Der Kanton gleiste das Gesamtverkehrskonzept für die ganze Region in der Folge neu auf, wobei es deutlich mehr Mitsprachemöglichkeiten als zuvor gab. Inzwischen steht das Resultat des langen Prozesses fest: Man einigte sich auf rund 200 Massnahmen. Derzeit läuft die Anhörung, zu der sich Gemeinden, Parteien, Verbände, Interessengemeinschaften und Private äussern können.
Insbesondere der öffentliche Verkehr soll stark ausgebaut werden . Aber auch für den Fuss- und Veloverkehr, Strassennetz und Betrieb, Mobilitätsmanagement sowie Stadt- und Freiraum sind Verbesserungen vorgesehen. «Es gibt keine Alternative, keine bessere Lösung», findet der Planungsverband Baden Regio, dem 23 Gemeinden angehören. Der Verband weibelte kürzlich bei den Grossräten aus der Region Baden für ein Ja. Es müsse jetzt unbedingt auf der Basis des Projekts weitergearbeitet werden . Doch nicht alle sind glücklich mit den Verkehrsplänen.
«Die grossen Verlierer des Jahrhundertprojekts»
Die IG aus dem Siggenthal meldet sich wieder zu Wort. Sie will in den nächsten Tagen eine Petition lancieren. Man sei mit dem Gesamtkonzept zwar grundsätzlich einverstanden und begrüsse es insbesondere, dass der Martinsbergtunnel aus dem Richtplan entfernt worden sei. Aber: «Mit dem vorgelegten Massnahmenpaket sind wir Siggenthaler die grossen Verlierer in diesem Jahrhundertprojekt.» Die Anhörung sei die letzte Chance, um die für ein lebenswertes Siggenthal notwendigen Korrekturen einzufordern.
Die Hauptforderung der Gruppierung betrifft eine Umfahrung des Siggenthals. Im Massnahmenpaket des Kantons mit einem Investitionsvolumen von gegen 450 Millionen Franken sei vorerst kein Tunnel vorgesehen: Weder die Variante «Zentrumsentlastung lang», die von Kirchdorf via Limmatbrücke nach Turgi und vom dortigen Wilerloch via Tunnel nach Neuenhof führen würde. Noch die etwas längere Variante «Zentrumsentlastung lang +», die auch Untersiggenthal vom Durchgangsverkehr entlasten soll.
«Bereits heute wälzt sich eine Flut von Autos und Lastwagen durch unsere Dörfer, die grösser ist als das tägliche Verkehrsaufkommen am Gotthard», schreibt die Gruppierung. Damit werde der vom Kanton definierte Wert, wie viel Verkehr noch siedlungsverträglich ist, im Siggenthal massiv überschritten. «Und dieser Verkehr wird in den nächsten Jahren weiter zunehmen.»
Zwei Forderungen aus dem Siggenthal
Ganz vom Tisch ist eine Umfahrung zwar nicht. «Aber nicht einverstanden sind wir aber mit dem vorgeschlagenen Entscheidungskriterien-Katalog, mit dem die Realisierung der beiden Umfahrungen initialisiert werden soll», schreibt die Gruppierung. Überprüft werden soll der Bau einer Umfahrung erst 2045, nach Abschluss aller anderen 200 Massnahmen – unabhängig davon, wie viel Mehrverkehr in der Zwischenzeit durch das Siggenthal rollt. Bis die Umfahrungen bewilligt, geplant und gebaut wären, würde ein zusätzliches Jahrzehnt vergehen. «Für das Siggenthal ist es inakzeptabel weitere 30 Jahre auf eine wirksame Entlastung warten zu müssen.»
Die IG hat darum zwei Forderungen: «Wir verlangen, dass der Entscheidungskriterien-Katalog radikal vereinfacht wird.» Die Planung einer Umfahrung müsse unabhängig von der Realisierung des Massnahmenpaketes ausgelöst werden, sobald das Verkehrsvolumen auf der Landstrasse in Obersiggenthal auf über 25’000 Fahrzeuge pro Tag anwächst. Und zweitens sollen beide Tunnelvarianten gleichberechtigt weiterverfolgt werden.
Derzeit soll nur die kürzere Variante auf der Stufe «Festsetzung» gestellt werden, während die Umfahrung von Untersiggenthal auf der tieferen Stufe «Zwischenergebnis» verbleiben soll. Nur die kombinierte Umfahrung von Ober- und Untersiggenthal bringe für das ganze Siggenthal eine echte Entlastung. «Wir fordern deshalb, dass die Umfahrungen von Ober- und Untersiggenthal ‹ZEL lang+› im Richtplan beide auf Stufe «Festsetzung» gestellt werden.»
Pirmin Kramer, Aargauer Zeitung